Gemeineigentum als materielle Grundlage von Hoffnung.
Öffentlicher Luxus für eine hoffnungsvolle Zukunft.
Dieser Text erschien zuerst in Agora42 - Das philosophische Wirtschaftsmagazin
Wirtschaftswachstum galt lange Zeit als eines der zentralen Hoffnungsmotive der Moderne. Es versprach Fortschritt, Wohlstand und Teilhabe für alle – und war damit eng an demokratische Ideale geknüpft. Dieses Versprechen erweist sich bereits seit Jahrzehnten als Trugschluss und hat sich heute an vielen Stellen in sein Gegenteil verkehrt: Statt sozialer Sicherheit bringt wachstumsorientiertes Wirtschaften ökologische Krisen, Armut, Vertreibung, Kriege und globale Ungleichheit hervor. Das, was lange als Lösung galt, ist nachweislich das Problem.
Denn anders als oft behauptet, führt ökonomisches Wachstum in privatwirtschaftlichen Marktwirtschaften nicht durch „unsichtbare Hände” zu gesellschaftlichem Wohlstand, sondern vorrangig zum Wohlstand derer, die sich den gesellschaftlich erarbeiteten Wohlstand privat aneignen dürfen. In kapitalistischen Gesellschaften sind das die Privateigentümer*innen an den Produktionsmitteln, die Aktionär*innen und Shareholder. Wachstum ist dabei kein rein lukrativer Mechanismus zur Gewinnmaximierung, sondern eine strukturelle Notwendigkeit von Privateigentum. Nur durch die fortlaufende Verwertung von Kapital kann es erhalten und vermehrt werden, weshalb immer mehr produziert werden muss. Stillstand bedeutet nicht Konstanz, sondern Gefahr. Kein Wachstum heißt: Verlust, Krise, Insolvenz. Im Kern des Wachstums herrschen Konkurrenzdruck und Angst. Ausbeutung und Umweltzerstörung sind ihm strukturell eingeschrieben. Die gesellschaftlichen Konsequenzen: soziale Spaltung, Isolation, Perspektivlosigkeit – und ein Nährboden für autoritäre Antworten inmitten wachsender Hoffnungslosigkeit.
Potenziale in den Krisen erkennen
Die zentrale Voraussetzung für das zerstörerische Wachstum ist das Privateigentum an Produktionsmitteln. Zum einen ist es die Grundlage für die kontinuierliche Kapitalvermehrung, die für den Erhalt des Wirtschaftswachstums unabdingbar ist, zum anderen bedeutet es, dass der Großteil der Bevölkerung von den Entscheidungs-, Verfügungs- und Nutzungsrechten ausgeschlossen wird. Privateigentum definiert also nicht nur, wer sich die Gewinne aneignen darf, sondern auch, wer Produktions- und Investitionsentscheidungen treffen und über die produzierten Güter verfügen darf.
Darin liegt der zentrale Widerspruch der kapitalistischen Produktionsweise: Gesellschaftlicher Reichtum ist längst vorhanden – er wird von unzähligen Menschen tagtäglich erarbeitet – doch er ist, global gesehen, den meisten Menschen nicht zugänglich. Selbst in den westlichen Ländern, die massiv auf Kosten des globalen Südens und auf Kosten einer intakten Umwelt wirtschaften und leben, kommt er immer weniger Menschen zugute. Er wird privat angeeignet und die Allgemeinheit wird von wichtigen Entscheidungen ausgeschlossen – mitunter von der Entscheidung, was und wieviel eigentlich produziert werden soll.
In privatwirtschaftlichen, das heißt auf Privateigentum basierenden Marktwirtschaften wird die Produktion nicht an gesellschaftlichen Bedürfnissen orientiert, sondern vorrangig an der Gewinnmaximierung. Da die Produktion dezentral über Märkte koordiniert wird und aufgrund des Wachstumszwangs ständig Konkurrenzsituationen entstehen, werden zudem gesellschaftliche und zwischenbetriebliche Absprachen und Aushandlungen über Produktionsbedarfe unterbunden. Dies trägt zusätzlich dazu bei, dass entweder zu viel oder aber zu wenig produziert wird. Außerdem muss die über das Privateigentum definierte exklusive Verfügungsmacht konstant abgesichert werden, sei es in Form von strengen Kontrollen von Nutzungsrechten oder in Form von Gewalt und Freiheitsentzug.
Der Widerspruch besteht also darin, dass aufgrund der Produktionsmöglichkeiten gesellschaftlicher Wohlstand zwar vorhanden bzw. möglich ist, die Eigentumsverhältnisse diesem aber strukturell entgegenwirken. Doch gerade in den Widersprüchen des Bestehenden liegt das Potenzial zu seiner Veränderung. Im Sinne Ernst Blochs ist Hoffnung weder illusionäre Utopie noch naiver Optimismus, sondern eine antizipierende Bewusstseinsform: Sie greift voraus auf das Noch-Nicht-Seiende, das im Jetzt bereits angelegt ist. So verstanden offenbart sich inmitten der Krisen nicht nur das Scheitern des Alten, sondern auch das Potenzial des Neuen – Hoffnung als konkrete Möglichkeit einer anderen Zukunft.